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„Wir müssen mit einer Tagespflege schnell sein.“ Interview der PNP vom 22.06.2020

„Wir müssen mit einer Tagespflege schnell sein“

Seit Ende 2018 ist Ursula Sixt Quartiersmanagerin in Mehring – In Öd setzt sie auf einen Entwurf, „mit dem wir zufrieden sein können“

Interview: Christina Schönstetter

Sie ist ehrenamtliche Leiterin der schulischen Mittagsbetreuung, Vorsitzende des Vereins Helfernetz Mehring, früher war sie Kindergarten- und Elternbeiratsvorsitzende: Ursula Sixt ist aus Mehring nicht wegzudenken. Seit Ende 2018 ist die Sozialpädagogin Quartiersmanagerin der Gemeinde, eine vom Staat zu 80 Prozent geförderte Teilzeitstelle. Im Interview spricht sie darüber, wie die Nahversorgung der Senioren in Mehring gelingen kann und warum sie denkt, dass das Ehrenamt in Mehring einen besonderen Stellenwert hat.

Frau Sixt, was genau machen Sie eigentlich als Quartiersmanagerin?

Sixt: Ich bin zuständig für die Belange der Senioren in der Gemeinde Mehring. So ist das definiert. Das Quartiersmanagement hat drei Säulen: die ortsnahe Unterstützung und Pflege, die Beratung und den Aufbau sozialer Netzwerke sowie Wohnen und Grundversorgung. Als erstes habe ich als Quartiersmanagerin die Beratungs- und Anlaufstelle für Senioren eingerichtet. Das war im Juli letzten Jahres, ab da hatten die Senioren die Möglichkeit, hier Beratung und Unterstützung zu finden. Der Schwerpunkt sind Senioren, es geht mir aber auch um generationenübergreifende Arbeit.

Quartiersmanagement „hat sich genial ergeben“Entstanden ist das Quartiersmanagement aus der Seniorenbefragung der Gemeinde.
Sixt: Das war 2017. Da kam, in Form eines Sieben-Punkte-Planes des Gemeinderates, der Wunsch nach einer Beratungsstelle heraus, nach mehr Mobilität, einer Tagespflege, barrierefreiem Wohnraum und nach besserer Nahversorgung. Parallel dazu haben wir uns im Ortsentwicklungsausschuss intensiv mit diesen Themen befasst. Und schnell wurde klar, dass es wichtig wäre, die Themen in der Gemeinde stärker zu installieren, nicht nur im Ehrenamt.

In kleinen Gemeinden wie Mehring ist das Konzept eines Quartiersmanagement selten. Hat Mehring überhaupt ein „Quartier“?
Sixt: Das Quartier ist hier das gesamte Dorf mit allen Ortsteilen. Als kleine Gemeinde sind wir mit unserem Antrag beim Ministerium auf offene Türen gestoßen, das ging wirklich ruck, zuck durch. Das Quartiersmanagement ist ein Instrument, das die Gemeinde unterstützt, die große Herausforderung zu schaffen, dass alle möglichst lange zu Hause selbstständig wohnen bleiben können. Bei uns hat es sich einfach genial ergeben: Ich war Sprecherin des Arbeitskreis Soziales, Familienreferentin, bin dazu auch noch Sozialpädagogin und hatte mich gerade beruflich verändert – das hat einfach gepasst.

 

Warum ist Seniorenarbeit „Ihr“ Thema?

Sixt: Wir hatten im AK Soziales immer schon Seniorenthemen unter anderem bei unseren Themenimpulsabenden. Und auch von privater Seite aus war ich im Thema drin; durch die Unterstützung meiner Eltern habe ich auch gemerkt, wie schwierig es ist, wenn man keinen Ansprechpartner hat. Ich habe mich auch um Bekannte gekümmert, damit sie Unterstützung kriegen, etwa einen Pflegegrad bekommen. Und ich habe gemerkt: Irgendwie liegt mir das und ich komme auch ans Ziel.

Es geht aber nicht nur um Beratung beim Quartiersmanagement.
Sixt: Nein, das ist nur die eine Säule. Es geht auch um ortsnahe Unterstützung. Wir sehen, dass man, wenn man nicht mehr mobil ist in Mehring, einfach festsitzt und Menschen auch deshalb wegziehen.

Lässt sich das ändern?

Sixt: Wir versuchen es. Zum Beispiel mit dem Helfernetz, dem zweiten großen Projekt nach der Beratungsstelle, das ich als Quartiersmanagerin unterstützt habe. Damit wollen wir die Grundversorgung verbessern, die Leute zum Beispiel unkompliziert zum Arzt, zur Physiotherapie oder gemeinsam zum Einkaufen fahren.

Funktioniert das Helfernetz?

Sixt: Das Helfernetz ist noch im Aufbau, Start war Mitte November, dann bin ich krankheitsbedingt leider ausgefallen und dann kam Corona. Durch Corona liegt, auch im Quartiersmanagement, vieles noch auf Eis. Wir hatten die wöchentliche Marktfahrt nach Burghausen geplant. Jetzt kommen langsam wieder die ersten Anfragen, nach Fahrdiensten und kleineren Gartenarbeiten zum Beispiel. Wir brauchen aber noch mehr Helfer und hoffen gleichzeitig, dass sich wieder mehr Hilfebedürftige melden und sich durch das Helfernetz verstärkt Unterstützung holen.

Es wird oft kritisiert, dass die Menschen individueller werden, das Gemeinschaftsgefühl, das Umeinanderkümmern verschwindet auch im Dorf mehr und mehr. Glauben Sie, das Helfernetz funktioniert auf ehrenamtlicher Basis?
Sixt: Ich bin optimistisch. Und ich muss sagen: Ich hätte mich nirgendwo anders auf das Quartiersmanagement beworben als hier in Mehring. Es gibt hier eine ganz, ganz starke Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement. Ich war zuerst Elternbeiratsvorsitzende im Kindergarten, dann in der Schule und habe dabei und in meiner Tätigkeit als Familienreferentin erlebt, dass sich die Mehringer wirklich einbringen. Das gilt für alle Altersgruppen. Selbst die Jugend ist sehr engagiert, bestes Beispiel dafür ist der Corona-Einkaufsservice.

Was braucht Mehring noch?

Sixt: Barrierefreien Wohnraum für alle Generationen zum Beispiel, dazu grundsätzlich eine Verbesserung der Barrierefreiheit im öffentlichen Raum. Und wir brauchen, das war auch der Wunsch aus der Seniorenbefragung, eine Tagespflege.

Gegen die geplante Tagespflege in Öd gab es noch vor Bekanntwerden der ersten Planungen Unterschriftenlisten. Ist die Einrichtung an dieser Stelle notwendig?
Sixt: Ich finde eine Tagespflege sehr sinnvoll und auch die Kombination mit barrierefreien Wohnungen, teils für Senioren, teils für Familien – so wie das geplant ist. Die Planungen sollen bald im Gemeinderat vorgestellt werden. Wir müssen mit einer Tagespflege aber relativ schnell sein, damit es nicht zu viele ringsum gibt und wir auch noch Chancen auf Fördermittel haben. Und was die Örtlichkeit angeht: Wir haben gerade leider nicht viel zur Wahl. Ich stehe da dahinter und bin sicher, es gibt einen Entwurf, mit dem alle Beteiligten zufrieden sein können.

Wie steht es um die Einkaufsmöglichkeiten in Mehring?

Sixt: Wir haben glücklicherweise den Bäcker in Öd mit einer kleinen Grundversorgung. Und die Mobilität, die wir durchs Helfernetz haben, ermöglicht den Leuten, die nicht selber fahren können, zu Einkaufsmöglichkeiten zu kommen. Die Mobilität zu verbessern ist mir ein wichtiges Anliegen im Quartiersmanagement.

Das heißt, dass Sie die Mehringer zur Nahversorgung bringen und nicht anders herum?
Sixt: Das Quartiersmanagement kann keinen Supermarkt bauen. Ich kann nur schauen: Was kann ich machen, um die Nahversorgungsstruktur zu verbessern mit den Mitteln, die ich habe. Auch in den Gesprächen zur Verbesserung der Busverbindungen bin ich dabei, aber das dauert natürlich.

„Es geht nicht nur um Senioren“Es ist Ihr zweites Jahr als Quartiersmanagerin. Wie wird es nach den vier Jahren Förderung weitergehen?
Sixt: Das wurde im Antrag auf das Quartiersmanagement festgelegt: Es soll auf jeden Fall weiterlaufen, man muss nur schauen, in welcher Form und mit welchem Stundenumfang.

Wie sehen Ihre nächsten Ziele aus?

Sixt: Im Quartiersmanagement geht es nicht nur um Senioren, sondern eben auch um das generationenübergreifende Zusammenleben. In der letzten Gemeinderatssitzung wurde beschlossen, dass wir ein generationenübergreifendes Projekt am Spielplatz in der Dorfmitte starten. Wir wollen nicht einfach nur Schaukel und Rutsche hinstellen, sondern einen Ort der Begegnung für alle Generationen schaffen, möglichst auch in Bezug zum Dorfplatz.

(Quelle: Burghauser Anzeiger)  Interview: Christina Schönstetter

Lob in den höchsten Tönen hat Ursula Sixt für das ehrenamtliche Engagement der Mehringer. Nirgendwo sonst hätte sie sich eine Bewerbung für den Job der Quartiersmanagerin vorstellen können, sagt sie. −F.: Schönstetter